Den Hauptteil der Auslage nimmt ein historisches Artefakt ein: eine Lehrmitteltafel der deutschen Firma Hübner aus den 1930er Jahren.
Weiters sieht man uralte Schachteln, verschiedene Materialproben, alte Firmenlogos, moderne Modefotografien, textile Musterzeichnungen, Bordüren und Pflanzenteile. Alles zusammen erzählt eine glaubwürdige Geschichte, die „vintage“ wirkt. Gegenstände aus alter Zeit erzeugen beim Betrachten eine persönliche Perspektive, durch die das Gesehene irgendwie erlebbar wird. Diese Schautafel soll so etwas für die Entwicklung der Viskose in der deutschen Textilindustrie sein.
Die Zellwolle wurde aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz hergestellt. Es wurde gehobelt, gekocht und mit viel Natronlauge, Schwefelkohlenstoff und Schwefelsäure behandelt. Schließlich musste der natürliche Rohstoff in eine Spinnflüssigkeit verwandelt werden. Die Belastungen für die Umwelt bei diesem Prozess waren enorm. Vistra, Zellwolle oder Viskose genannt, galt damals als Ersatz für die Baumwolle und wurde in großen Mengen im Land produziert. Wirtschaftskrisen und Krieg hatten lange Handelswege problematisch gemacht. Erdöl und damit Kunstfasern gab es ja erst ab 1940. In der Lehrmittelgestaltung fanden diese ökologischen Nachteile der Produktion natürlich keinerlei Erwähnung. Argumentationen, die der Wirtschaftsideologie im Wege standen, wurden einfach ausgelassen. Auch einschlägige Buchtitel, wie zum Beispiel „Das weiße Gold Deutschlands“ lässt den Profitgedanken, der mit der Viskoseproduktion in Deutschland einhergeht, nicht im Verborgenen.
Die Herstellung der Reißwolle, war andererseits eines der ersten industriell nachhaltigen Recyclingverfahren. Dabei wurden Altstoffe und Altkleider zerfetzt und mit stahlbesetzten Walzen behandelt, bis diese in ihre Faserstoffe zerfielen. Anschließend konnten damit wieder neue Garne gesponnen werden. Der industrielle Verarbeitungsprozess liegt damit dem heutigen Recyclinggedanken nahe und hätte damals durchaus als Vorbildwirkung für die zukünftige Textilindustrie dienen können.

Nachsatz:
Unsere Vintage-Schautafel wurde mit einem Text in der deutschen Frakturschrift versehen. Diese Schriftform wurde seit dem 16. Jhd. bis 1941, also sage und schreibe ca. 500 Jahre!!!! in Deutschland für alle Printmedien, wie Bücher und Bibeln, verwendet. Im Nationalsozialismus wurde sie durch einen Erlass abgeschafft. Die Gründe dafür dürfen selbst nachgelesen werden. Die Kurrentschrift ist, im Unterschied dazu, eine reine Schreibschrift, die die Menschen immer nur mit der Hand geschrieben haben. Heute kann man Kurse belegen, um die Kurrentschrift zu erlernen, so wie die Menschen damals. Vielleicht wird das ja später irgendwann eine „Vintage-Retro-Wissenschaft“ …
Heidi Joshi